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Seltene Orgelklänge meisterhaft dargestellt

Gillian Weir aus London brillierte in Klosterkirche
Von unserem Mitarbeiter Otto Mittelbach

Die aus Neuseeland stammende Organistin Gillian Weir offerierte beim ersten Orgelkonzert dieses Jahres interessante Beispiele aus ihrem außerordentlich vielseitigen Repertoire. Und die so großartig, daß den Zuhörern der Eindruck vermittelt wurde, einer Sternstunde beigewohnt zu haben.

Neckisches Charakterstück

Werke von je fünf Komponisten erklangen an der kleinen Chororgel und am großen Hauptinstrument. Dabei standen Namen auf dem Programm, die sonst bei Orgelrecitals nicht erscheinen. So Domenico Scarlatti, der aber von seinen rund 500 Cembalosonaten fünfausdrücklich der Orgel gewidmet hat. Die unter K 255 als „Turteltaube” verzeichnete wurde als neckisches Charakterstück seiner Zeit mit hellen Flötenstimmen interpretiert.

Erstaunlich abwechslungsreich erwies sich das kleine Instrument in den zahlreichen, spielerisch behandelten Variationen von Antonio Valente - hier unter bevorzugter Benutzung der vor allem in der tiefen Lage sonoren Zungenstimme - von Johann Pachelbel, über dessen „Aria Sebaldina”, und von Giralamo Frescobaldi. Wie ein Perpetuum mobile huschte die „Humoresque” von Pietro Yon vorüber.

Das überwältigende Können der Gastorganistin, die traumshaft sichere Beherrschung alles Technischen, die überlegene musikalische Gestaltung und die Optimierung der kombinatorischen Möglichkeiten des Instruments machte alles Folgende erst recht zu einem besonderen Erlebnis. Das virtuose „Final in B♭” als Konzertfantasie über das „Feuerwehrsignal” von Cesar Franck, das von französisch-impressionistischem Klangzauber erfüllte „Scherzo” von Maurice Durufle und zwei geradezu elegant servierte, wirkungssichere Beiträge aus Louis Viernes „Pieces de Fantaisie” (Fantsiestücke) umrahmten zwei Besonderheiten.

Für das einzige Orgelwerk von Arnold Schönberg „Variations on a Recitative” waren den Zuhörern als Anhaltspunkte Notenbeispiele an Hand gegeben. Sie halfen allerdings nur wenig, die „sich entwickelnden” Variationen in ihrer geistigen Kombinatorik mitzuverfolgen. Umso überwältigender erwies sich der Gesamteindruck des in der gesamten Orgelliteratur wohl einzigartig dastehenden Opus.

Humorvoll und charmant

Dagegen bereitete der sehr eingängige Einzelbeitrag von Jean Francaix zur Orgelmusik keinerlei Verständnisprobleme. In der „Suite Carmelite” charakterisierte der 1997 verstorbene Meister auf humorvoll- charmante Art Schwestern eines Klosters. Prof. Gillian Weirs kongeniale Interpretation begeisterte ob ihrer spielerischen Leichtigkeit. Langanhaltender Beifall für die englische Organistin und das Hoffen auf ein Wiederhören.

Neu-Ulmer Zeitung, Mittwoch, 5. Mai 1999