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Man hört der Engel Flügel rauschen

Dame Gillian Weir bravourös an der Orgel der Mannheim Schlosskirche
Von unserem Mitarbeiter Rainer Köhl

Ihr Name ist ein erlauchter Inbegriff für die klassische Konzertorganisten-Zunft: Dame Gillian Weir, von der englischen Königin vor drei Jahren geadelt für ihre künstlerischen und pädagogischen Verdienste, ist eine Virtuosin ersten Ranges, die die Orgel aus liturgischer Dienerfunktion immer wieder beherzt herausholt und nicht selten ins Zentrum artistischen Interesses stellt. Mit Orchestern spielt sie gerne zusammen - so auch bei der diesjährigen „Last Night of the Proms” in London. Konzertorganisten ist - im Unterschied zu ihren liturgischen Kollegen - an der Sichtharmachung ihrer Kunst vieles gelegen. So kam es auch Dame Gillian bestimmt nicht ungelegen, dass ihre Fingerfertigkeit beim Festlichen Orgelabend in der Schlosskirche Mannheim auf die Leinwand vor den Altarraum projiziert wurde. Man hörte die Orgelklänge von hinten die Empore runterrauschen und sah vorne in der Videoprojektion mit Überblendungen Dame Gillian im roten Paillettenkleid, sah, wie ihre Hände elegant über die Tasten gleiten. Und die silbernen Schuhe traten - von entsprechendem Kamerawechsel begleitet - in die Großaufnahme, wenn das Basspedal Gewichtiges zu sagen hatte.

Wer die Augen dabei schloss, der hörte auch die tiefere Dimension der weihnachtlichen Orgelmusik; hörte der Engel Flügel rauschen in Eugene Gigouts „Rhapsodie sur des Noels” und vernahm den kraftvollen, erhebenden Weihnachtsglanz. Dame Gillian Weir entlockte den barocken Werken allen heiter-verspielten Charme, der ihnen innewohnt, ließ die Musik eines Daquin, Dandrieu und Händel ornamentreich jubeln, große Vitalität gewinnen in akzentreich punktierter Rhythmik und äußerst detaillierter Artikulation. Seht viel Sinn für den Verzierungsreichtum der weihnachtlichen Melodien offenbarte sie dabei, entwickelte einen stimmungsvollen Farbenreichtum, vom milchigen Schimmer bis zum prächtigen Goldstrahl.

Das reiche Orgelschaffen von Olivier Messiaen hat Dame Gillian Weir komplett eingespielt - dem glänzenden Ruf ihrer Interpretationen wurde sie nun aufs Vorzüglichste gerecht, als sie drei Sätze aus „La Nativité du Seigneur” spielte: Die silbrig glitzernden, virtuos rauschenden Ornamente von „Les Anges” brachte sie in besten tänzerischen Schwung, mit äußerst elegantem tempo rubato versetzte sie die Hirten, „Les Bergers” in sanft wiegende Bewegung. Die Macht des Gotteswortes von „Dieu parmi nous” war in seiner Markanz begleitet von kraftvollem Jubel und virtuos heraussschießender Freude. Große Stilsichenheit ließ die Organistin durchdringen auch in den Werken von Bach, Reger und Dupré.

Die tiefe spirituelle Kraft spürte man, wenn man nach innen blickte. Und diese wirkte nach im gesprochenen Wort, als der Schauspieler Michael Timmermann (Nationaltheater Mannheim) das Programm zäsurierte mit Texten aus der Bibel, von Brecht, Kästner und Borchert.

Die Rheinpfalz, vom 30.12.1999