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Gelassen gestaltete Klangräume

Der Orgelabend von Gillian Weir in der Stephanskirche

Je beiläufiger im Sinne kalkulierter Zurückgenommenheit ein Interpret die Darstellung eines anvertrauten Werkes gestalten kann, je weniger dabei seine technische Fähigkeiten ausgestellt werden, desto mehr kann sich das Publikum dem Kunstwerk widmen. Die Vollkommenheit des Ausdrucks scheint zwar immer häufiger als Perfektion im Sinne sportlichen Wettbewerbs, als immer höher, weiter, schneller fehlverstanden zu werden. Doch glücklicherweise ist wirkliche künstlerische Qualität immer von jenen Interpreten geprägt, deren Geschlossenheit die Frage nach der Virtuosität vergessen läßt. Konzerte, bei denen die Zeit zwar vergeht doch diese Wahrnehmung außerhalb der sinnlichen Erfahrung des Konzertbesuchers bleibt, sind selten und markieren am entschiedensten die Bewegung, die eines der Charakteristika auch der Musik ist.

Mehr noch über den Fluß der Töne, über Luft als Sinnbild der Schwerelosigkeit, jenen Atem, der Klänge in einem Raum befördert und umtreibt, wären zum Konzert der Londoner Organistin Gillian Weir zu sagen. Doch die Sprache kann sich auch als positive Wertung dem singulären Ereignis nur anzunähern versuchen.

Gillian Weirs Orgelspiel läßt die Erfahrungen mit anderen Orgelkonzerten vergessen. Ihre Auseinandersetzungen mit der „Königin der Instrumente” braucht keinen sakralen Raum, weil ihre Interpretation eigene Klangräume erzeugt. Ob Tanzweisen aus dem Antwerpener Tanzbuch um 1583 oder Georg Friedrich Handels „Voluntary on a flight angels” an der kleinen Chororgel oder Johann Sebastian Bach, hier vor allem die musikantisch verdichtete Toccata F-Dur, BWV 540, an der Hauptorgel, immer war da so etwas wie „absolute Musik”, die sinnlich berührte und zu verarbeiten war.

Bei Maurice Duruflés Scherzo oder Felix Alexandre Guilmants „Scherzo Symphonique”, da wurden in reicher, ja gewaltiger Klangfülle Mensch und Raum einander zugeführt, doch ohne daß irgendwelche Effekte die großen Bögen ursächlich kalkulierter Affekte eingegrenzt hätte. Da feierte das gelassene Selbstbewußtsein einer souveränen Musikerin Triumphe über alle Eitelkeiten virtuoser Selbstdarstellung.

LO.

Karlsruhe Nr. 16 - Freitag, 21. Januar 1994