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Ausgefeilt artikuliert, brillante Akkorde

Ein grandioses Feuerwerk aus Harmonien und Rhythmen bot Gillian Weir am Sonntag abend in einem Orgelkonzert der Reihe „Konzerte im Dom zu Speyer”. Die englische Organistin stellte ein anspruchvolles und zugleich ansprechendes Programm mit Orgelkompositionen der Spätromantik und französischen Moderne zusammen, wobei natürlich der obligate Bach nicht fehlen durfte. So begann Lady Gillian das Konzert mit der 1930 entstandenen „Sonata Eroica” op. 94 des Belgiers Joseph Jongen. Nach einer „heroischen” unisono Einleitung entwickelte sich eine impetuose Aneinanderreihung von Akkorden und Rhythmen, welche schließlich zum pentatonischen Thema hinführte. Weir verstand es hier ausgezeichnet, durch geschicktes Variieren der vielfältigen Zungenregister der Domorgel die musikalische Intention des Komponisten zu vermitteln. Bei der fünfstimmigen Fuge, die das Werk mit brillanten Akkordketten beschließt, gefiel besonders die durchsichtig gestaltete Artikulation.

Der zweite Programmpunkt war dem Komponisten, dessen Schaffen sich Gillian Weir mit besonderer Aufmerksamkeit widmet, vorbehalten: Olivier Messiaen. Mit der meditativen Komposition „Apparition de l'Eglise Eternelle” des 1992 verstorbenen Messiaen überzeugte Lady Gillian durch die überlegte dynamische Interpretation, mit der die Faktur der Komposition vollendet dargestellt wurde. Aber auch die aequale Rhythmik wußte die Organistin durch ausgefeilte Artikulation herauszuformen. Enttäuschend hingegen war die Interpretation der Partita „Sei gegrüßet, Jesu gütig” (BWV 768) von Johann Sebastian Bach. Die elf Variationen über den Passionschoral wirkten durch das einheitliche gebundene Spiel der Engländerin etwas spannungslos.

Jedoch bewies die Interpretin auch hier ihre große Erfahrung im Registrieren, so daß die verschiedenenen Variationen, wie zum Beispiel das Bizinium oder das Arioso, immer mit charakteristischen Stimmen vorgetragen wurden. Spannungsvolles und abwechslungsreiches Spiel zeigte Weir wieder bei dem „Scherzo” von Maurice Duruflé (1902 bis 1986). Zum Abschluß des Orgelabends brachte Lady Gillian noch eine hochinteressante Komposition aus ihrem Heimatland zu Gehör: Introduktion, Passacaglia and Fugue von Healy Willian (1880 bis 1968). In der frei und kreativ gestalteten Introduction gefiel das Spiel der Engländerin durch unverkrampfte Geläufigkeit. Die Passacaglia mit ihrem formgebundenenen chromatischen Thema vewandelte die Interpretin mit großem agogischen Einfühlungsvermögen in organische Musik. Ebenso inspiriert ging sie mit der abschließenden Fuge um und arbeitete den Kontrapunkt durch eine klare Registerkombination aus.

Dirk Schneider, Speyerer Tagespost, Dienstag, 28. Oktober 1997